»Begegnungen zwischen Russen und Deutschen«
Buchvorstellung auf Schloß Döbbelin in der Altmark

Ein besonders sonniger Tag in diesem verregneten Jahr läßt das Gelb des Schlosses noch leuchtender erscheinen. Alexander von Bismarck und seine Frau begrüßen die Gäste einzeln auf der Freitreppe. Von dort geht es in eine Halle, deren offene Türen auf die Gartenterrasse führen. In der Halle gibt es Kaffee und Zwetschenkuchen. Im Nebenraum ein Büchertisch, auf dem neben der Neuerscheinung auch andere Bücher der an der Anthologie beteiligten Autoren ausliegen. Die Besucher stehen in Gruppen in der Halle, am Büchertisch, auf der Terrasse und im Vorhof, durch die Weitläufigkeit merkt man gar nicht, daß doch eine stattliche Anzahl zusammen gekommen ist. Der Beginn der Lesung verzögert sich ein wenig, weil noch auf die Ankunft einer Professorin aus St. Petersburg gewartet wird, die offenbar eine gute Freundin des Hauses ist.
Seine Eingangsrede hält der Hausherr auf dem Treppenabsatz von der Halle zum Saal. Er betont, daß es sich hier um den Wohnbereich und nicht etwa um ein Museum handle und solch ein privater Ort doch etwas ganz anderes sei als Botschaften oder Hotels. Er berichtet, wie das Buch entstand und von welchen Absichten es getragen ist. Es wird applaudiert und viel photographiert. Ehe er die Gesellschaft treppauf in den Saal führt, kommt er dann noch auf die Geschichte zu sprechen. Es wird ein Bild des Anwesens aus dem Jahr 1990 gezeigt. Die Räumlichkeiten wurden während der deutschen Teilung genutzt, dies hat sie vor dem Verfall bewahrt. Freilich ziemlich zusammengewürfelt, sogar ein Lebensmittelgeschäft für das Dorf hatte darin Platz gefunden. Da war nicht nur manche Wand zu entfernen. Offenbar hatte man sich schon so an das immer dunkler werdende Grau gewöhnt, daß Alexander von Bismarcks Wunsch nach Leuchtgelb auf erhebliche Bedenken beim Denkmalschutz stieß. Aber auch diese Schwierigkeiten wurden gemeistert. Im Erdgeschoß unterhalb der Freitreppe betreibt Bismarck ein öffentliches Café, leider nur noch saisonal. Seit der Corona-Krise fehlt es an Personal. Man kann sich vorstellen, daß unter den Abertausenden, die Deutschland in den letzten Jahren den Rücken gekehrt haben, auch mancher aus dem Gastgewerbe kam.
Als die Gäste im Saale plaziert sind, überläßt der Hausherr dem Verleger das Feld, der zunächst die Geschichte von Jens Lammla vorliest, der aus der DDR ohne Erlaubnis durch Sibirien reiste und am Baikalsee Menschen fand, für deren Gesellschaft er die weiteren Reisepläne aufgab. Das Wort »Gastfreundschaft« reicht für dieses Erlebnis nicht hin, es war ein Ankommen, das sich nirgendwo auf der Welt wiederholte. Es folgt ein Gedicht nach einem Drama von Goethe. Auf der Krim, mit antikem Namen Tauris, gelingt es der Titelgestalt Iphigenie durch Menschlichkeit und Wahrheitsliebe, den Fluch ererbter Frevel oder, modern gesprochen, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Daß Goethe ein besonders unkriegerischer Geist war, ist ja allgemein bekannt. An ihn wird hier erinnert, um gerade für diese begnadete Landschaft ein Ende des Blutvergießens zu erhoffen.
Im weiteren bittet der Verleger einige Beiträger des Buches zur Lesung aufs Podium. Zunächst Helmut Roewer, dessen Beitrag nicht unter Belletristik fällt, sondern daran erinnert, wie der Sohn des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf auf dem Zarenthron gelangte und durch Ausscheiden aus der Kriegskoalition Preußen vor einem katastrophalen Ende der kriegerischen Abenteuer Friedrichs II. rettete. Er sagt einleitend, es habe sich als kurzweiliger bewährt, wenn er nicht vorlese, sondern Sachbuchinhalte in freier Rede darstelle. Das Mirakel des Hauses Brandenburg verdient auch heute wieder ins Bewußtsein gehoben zu werden, und der Autor spart dabei nicht mit Augenzwinkern. Dem Hausherrn bescheinigt er unverblümt, sein großer Vorfahr hätte wohl keine Chance erhalten, sich hervorzutun, wäre Preußen hundert Jahre früher zum Kleinstaat geschrumpft.
In der Folge lesen Adorján Kovács, Marc Zoellner, Viola Schühly, Jürgen Kuhlmann und Tanja Krienen. Adorján Kovács hat im Poesiealbum seiner Mutter nach deren Tod Geheimseiten entdeckt, die in lyrischer Form die verbotene Liebe der Ungarin zu einem russischen Soldaten verraten, und er schildert ergreifend, wie die Geheimnisse die Zukunft mitgestalten. Marc Zoellner erinnert mit »Tarzan« an einen russischen Soldaten, der mit seinem Vater in der DDR das Eigenheim baute und den man gerne bei dem Truppenabzug behalten hätte. Viola Schühly erzählt die Freundschaft mit einem russischen Mädchen, die im Kindergarten begann und heute in großer Entfernung fortbesteht. Ihre mitreißende Stimme und die anschauliche Geschichte werden zum Höhepunkt der Veranstaltung und geben den im übrigen doch eher gesetzteren Erinnerungen eine jugendliche Verheißung.
Jürgen Kuhlmann, der dem Büchertisch Flugblätter der »Dabeler Friedensinitiative« beisteuerte, nutzt die Gelegenheit, die Geschichte »Vom Endsieg der westlichen Zivilisation« vorzutragen, die er sich wegen ihrer Fiktionalität nicht für den Band einzureichen getraut hatte. Es werden zwei Paare von jungen Geigerinnen gegenübergestellt, wie man sie sich verschiedener kaum ausdenken kann. Einmal in der Leningrader Philharmonie während der Blockade der deutschen Wehrmacht, zum anderen sechzig Jahre später am Schweriner Staatstheater. Während die einen mit Resten von Eßbarem der verarmten Städter entlohnt werden, vermögen die anderen nicht mehr über den Tellerrand der Wohlstands-Vorurteile zu blicken. Der Text ist eine Hommage an den großen Schauspieler Ekkehard Hahn, der sich vergeblich bemüht, den Mädchen ein bißchen Sinn für die Bedingtheit ihrer Ansichten zu vermitteln.
Tanja Krienen trägt dann Eindrücke einer westdeutschen Touristin in der Sowjetunion der Breshnew-Ära vor, wobei ein Besuch im Lenin-Mausoleum atmosphärisch hervorsticht. Der Verleger rundet sodann die Vorträge mit einem Erlebnis von Hilko Gerdes aus dem Sommer 1992 ab. Am Mönckebergbrunnen in Hamburg tragen russische Straßenmusikanten das Lied »Stenka Rasin« vor, der Autor muß wegen dringender Verpflichtungen weiter, aber die flüchtige Begegnung hat sich im Gedächtnis eingebrannt. Er bekennt, er sehe immer, wenn von Rußland die Rede sei, die Lippen der Sängerin und vernehme den Schicksalsgesang.
Die Auswahl des Vorgetragenen war wesentlich davon bestimmt, welchem Autor die Reise nach Döbbelin möglich war und wem nicht. Manche haben sehr bedauert, nicht dabeisein zu können. Gleichwohl hat sich eine glückliche Auswahl ergeben, und das Publikum war sehr zufrieden. Kaum einer dürfte es bereut haben, mehrere hundert Kilometer durch Deutschland gereist zu sein. Wenn mich der Eindruck nicht täuscht, dürfte auch mancher sehr angetan gewesen sein, der es sonst der Literatur nicht zutraut, ihn zu begeistern.