Wolfgang Schühly
DAS STERNBILD FLORIAN KIESEWETTERS

Im letzten Monat erschien bei Arnshaugk die "Sternbildsonate" des neuzehnjährigen Florian Kiesewetter. Dies ist seit langem wieder einmal ein lyrisches Debüt, das inhaltlich und formal aufhochen läßt. Vielstrophige gereimte Gedichte mit Traumsequenzen und üppigen Assoziationen. Die 33 Gedichte des Buches lassen sich in drei Gruppen teilen. Die erste Gruppe erinnert an Gothic und überhaupt an die Schwarze Szene mit ihrer Faszinantion für Gräber und Grüfte. Apokalytisches steht im Vordergrund. Gleich das erste Gedicht heißt "Traum vom Ende". In den Versen errinnert die Apokalyptik weniger an eine Naturkatastrophe als an eine Art Schlaganfall, eine innere Lähmung. Der Dichter beschreibt eine Verfaßtheit, in der er meint, "das Licht wär [ihm] genommen". Dabei bleibt offenbar bewußt unklar, ob es sich um eine Verfinsterung des Himmels oder den Verlust des Augenlichts handelt. Auch im weiteren bleibt die Grenze zwischen Traum und Realität undeutlich. Letztendlich wird die Zerstörung zwar mit dem Hinweis auf "neues Leben" gerechtfertigt, aber das einzige Attribut des "Zukunftwerks" ist die Offenbarung des Schmerzes.
Dies ist kein Hollywood-Schluß. Die Prüfung der Finsternis bestehen, heißt, zu neuem Schmerz bereit zu sein. Wir werden allerdings in der weitern Betrachtung des Buches feststellen, daß Schmerz und Verletzung für Kiesewetter nicht nur Negativ-Metaphern darstellen. Zentral in seiner ganzen Dichtung ist das janusköpfige Wort "Leidenschaft", das Dulden, Sucht und Krankheit bedeuten kann, aber auch Beseeltheit und Lebendigkeit. Man mache es sich aber nicht zu leicht, und sehe im Bekenntnis zum Schmerz nur das Bekenntnis zum Leben, es geht hier durchaus um den Opfermut, in ein umabdingbares Verhängnis einzutreten.
Im nächsten Gedicht setzt sich die Düsternis fort. Phobos, zu deutsch Furcht, ist mit seinem Bruder Deimos, dem Schrecken, ein Begleiter des Ares. In der griechischen Mythologie haben jedoch Furcht und Schrecken des Krieges Aphodite, also die Göttin der Liebe, zur Mutter. Es liegt also schon in der Titelwahl eine Verquickung von Liebe und Krieg. Es beginnt mit martialischen Bildern: "zerfurcht von Aaren", "Drachen", "schwarzen Schlangen", gestürzten Säulen. Dann eine rätselhafte Botschaft, der Urspurpator schreitet und Merkur hat den Goldstab ausgebracht. Wer der Ursuarpator sei, wird nicht gesagt. Zum "Goldstab" fällt mir spontan das Dollarsymbol ein, das auf ein spanisches Goldmaß zurückgeht. In ihm schlingt sich ein Spruchband um die Säulen des Herakles. Die Säulen des Herakles stehen seit alters für das Ende der Welt. Könnte das darum geschlungene Spruchband die Furcht sein? Immerhin stand die Warnung vor zwei Jahren Zuchthaus früher auf jedem Geldschein zu lesen. Und dürfen wir uns bei dem rätselhaften Ursurpator auch an das Dollarsymbol halten?
In der zweiten Strophe kehren Liebe und Krieg wieder. Zunächst ein erotisches Bild, dann die Mahnung, dabei nicht die Unerbittlichkeit der Parzen zu vergessen. Die dritte Strophe bemißt das Limit des Göttlichen und des göttlichen Spieles und läßt offen, ob es sich um den Faun des erotischen Bildes oder die göttliche Furcht handelt. Die hier obwaltende Vorstellung des Göttlichen ist begrenzt und die Himmel erweitern ihm nur das Auge, das heißt, es geht um ein Wissen, das zugleich ein Wissen der eigenen Beschränkung ist. Die vierte Strophe macht deutlich, daß die Domäne eingefriedet ist, sie ist weder beschneidbar noch durch eine Gnade zu erweitern. Dies scheint ein Bekenntnis zum antiken Kosmos, der sich gegen das Chaos abschirmt.
In den nächsten beiden Strophen wird manches zur Vorgeschichte angedeutet, Unglück, Rache aber auch die Siegel des Bestandes. Düstere Ahndungen mischen sich mit der Heiterkeit der Muse. In der letzten Strophe spitzen sich die Bilder zu, um schließlich die Personalität völlig zu verlieren. Am Ende steht kein Faun und keine personifizierte Furcht sondern einzig und allein die selbstbefangene Urschlange, von der es heißt, daß Ihr Tag und Nacht entstammen. Mit der Personalität löst sich auch die Polarität auf. Man denkt an Abraxas.
Das Gedicht läßt den Leser ziemlich im Regen stehen. Und die Moral von der Geschicht? möchte man fragen. Es gibt sie nicht. Es heißt: Sieh und vergiß nicht und Ende. Der Dichter zeigt sich gefangen, die Lösung steht gegen die Person.
In der "Frostzeit" ist nicht mehr zu gewinnen, als sich den Wind zu erhalten. In "Pantgruels Erbe" scheitert die Welt ohne "Bedauern". Im "Buch der Nacht" bleibt die dunkle Nacht "der Herr, der letztlich lacht". Bis das erste Liebesgedicht mit der "Prinzessin zu Artern" aufscheint, gibt es keinerlei Trost im allgemeinen Verhängnis. Und schon bald brechen die schwarzen Verse erneut ins Gefild. Mit "Des Richters Urteilsspruch" wird eine Art Jüngstes Gericht vorgeführt, das in der Mahnung endet, daß es noch jeden Schläfer einhole. Betont wird Realität eines irrationalen Schreckens, dessen durchgängiges Kennzeichen es ist, sich fortwährend zu widersprechen. Mal hofft der Veruteilte auf ein rasches Ende, mal sinnt er Flucht. Mal zeigen die Dämonen Unterwürfigkeit vor dem Richter, mal verhöhnen sie ihn geradezu. Ein Stück, in dem der Regisseur betrunken zu sein scheint. Gerade dies macht aber das Gedicht als Traumschilderung glaubwürdig.
Auch die "Legende von El-Ahrairah" stellt uns Konstellationen vor, die sich einzig durch den Verlust des Personalen auflösen:
"Hier endet die Reise,
Der Heimlichkeit Tausch,
Wir steigen nun leise
Ins Wipfelgerausch."
In seinem "Epitaph" nennt der Dichter seinen eigenen Tod die Voraussetzung, "daß ein neuer Anfang werde". Schnörkellos soll es geschehen, weil es unbedingt notwendig ist, das Opfer, die Hingabe an das Namenlose. Hier spricht die Verachtung des billigen Trostes. Die Reihe des Todes kulminiert schließlich in dem Gedicht "Jahrtausend", daß die Jubelheiterkeit des Milleniums gnadenlos in die Schranken weist. Bilder der Morschheit, die auf den Gnadenstoß warten. Die Bitte bleibt stumm und der Mensch wird mit einem Insekt verglichen. Der Wind ruft zum Schwertertanz.
Die Thematik wird in vier Gedichten am Schluß des Buches fortgeführt, die offenbar nach dem eigenen Tod und dem Tod des Jahrtausends angesiedelt sind. Gleich zu Beginn des Gedichtes "Schlange und Tiger" ist von neuen Wegen die Rede, die im Tod gewonnen wurden. Wer aller Hoffnung in die Welt entsagt hat, findet jetzt Vertrauen im "Schilde seiner Zunft", also in der Berufung als Dichter und sagt sich selbst, daß das gültige Urteil nicht die Vernunft spräche. Also kann was vernunftgemäß zu Verfall und Tod führt, offenbar gerettet sein, im Absehen von Vernunft? Solche Versuche deuten sich an. Der Logik des Verfalls entrinnt der Dichter als "meisterlicher Fechter, doch ohne Groll und Grimm". Man könnte dies als eine Art Ästhetizismus verstehen, als komme es auf die kunstreiche Waffenführung mehr an als auf Sieg oder Niederlage. Die dritte Strophe belehrt den Lesen jedoch, daß der Schwertkampf keineswegs der Spiegelfechterei, sondern der Behauptung der eigenen Existenz diene. Dann taucht ein neues Motiv auf, die Suche nach dem Gral, zu der die heilige Lanze anvertraut sei. Auch mahnt der Autor mit Blick auf die Waffen:
Vergiß nicht, daß der Geist
Die stärksten weiß zu schaffen
Und sie auch einsetzt meist.
Am Schluß fordert das Gedicht, aus einer Wüste "den Stand der Priesterweihe" zu machen, also eine Re-Spiritualisierung der Welt. Der Dichter konstatiert nicht mehr die Verderbtheit und Hinfälligkeit der Welt, sondern er nimmt den Auftrag an, neue Zeichen zu setzen und durchzusetzen. Hier verläßt der Autor den Bann der Schwarzen Szene. In "Such dein Glück" heißt es:
Die im Sumpf den Säbel zückten,
Trafen oft das eigne Bein.
Der Autor ist offenbar dem "Sumpf" entkommen. In "Was bleibt" sind die apokalyptischen Fragen rhetorische geworden. Überall schimmert die Gewißheit durch, daß es lohne, "nach dem Grale [zu] fahren". In "Merlin" heißt es gar, "daß die Welt stets Antwort weiß". Und "Spät im Jahr" entläßt uns in der Überzeugung, daß am Ende der Traum uns leite, "der die Dunkelheit erhellt". Keine Rede mehr von Apersonalität, sondern heitere Sicherheit und Vertrauen in den Genius der Dichtung.
Dies erste Gruppe von Kiesewetters Gedichten wird von einer zweiten unterbrochen: zarten Liebesgedichten, die an die Minne im Mittelalter gemahnen. Sie sind Preisgesänge, auch wenn Leid und Entsagung nicht ausgespart werden. Formal stellen sie oft eine Art Reigen da, Variationen der Abfolge: Entdecken, Begehren, Verlieren und Wiederfinden. Hier findet der Dichter zur innigsten Musikalität. Hier wird eine Philosophie vorweggenomen, die sich in den programmatischen Gedichten erst am Ende durchsetzt. Hier macht der Autor in jedem Vers deutlich, daß er sich in seinem ureigenen Element befindet. Auch das letzte Gedicht im Buch gehört der Liebe. Es heißt "Weiter noch" und setzt das geliebte Du über alle Erkenntnis und alle Spekulation.
Ich möchte noch auf eine dritte Gruppe von Gedichten zu sprechen kommen, die astrologische Themen haben. Man denkt ja beim Titel zunächst an diesen Komplex und nicht an den Unstern der Zeit, den Stern der Dichter oder Frau Venus. Das Titelgedicht des Bandes bedenkt alle Bilder des Tierkreises mit gültigen Formeln, wobei die Virtuosität der Form bemerkenswert ist, alles wiegt sich auf zwei Reimen. Zwei Sternzeichen werden dann noch einzeln gefaßt: der Löwe und der Wassermann. Beim "Löwen" steht zwar das Tier im Vordergrund, gleichwohl macht die Formel "König des Lichtes" deutlich, das dies in eins fällt mit dem Schicksalssymbol jener, die in diesem Zeichen geboren sind. Der "Löwe" ist ein kurzes Gedicht von berückender Gewichtigkeit und Präzision. Die Idee der Souveränität, die in den programmatischen Gedichten negativ erfahren wurde, als Unbedingheit, Schrecken, Verhängnis, Gesetz, zeigt sich in diesem Gedicht von Licht- oder Herrscherseite, im Glanz der Aktion. Was bis zum "Jahrtausend" an Passion ausgebreitet wurde, verdichtet sich hier in wenigen schicksalsschweren Sätzen. Ich scheue mich, einzelnes aus diesen 24 Versen zu zitieren, denn eine Auswahl ist schlichtweg unmöglich. Jeder Vers ist eine Offenbarung. Man lese deshalb das Gedicht als Ganzes.
Zur Kürze des "Löwen" kontrastiert, daß der "Wassermann" das längste aller Gedichte Florian Kiesewetters ist. Eignete dem Löwen die Schärfe und Präzision des Lichtes, so eignet dem Wassermann die unendliche Annäherung, das immer wieder begonnene Experiment der Liebe und des Lebens. Dies ist kein Setzen, sondern ein Fließen. Dieses Gedicht hat viel mit Florian Kiesewetters Liebesgedichten zu tun, mit der Hingabe an ein Spiel, das selbst mit den Akteuren zu spielen scheint. Der Wassermann ist der Vater des Menschen, und alles Menschliche packt der Dichter in den Kreis dieser Vielgestaltigkeit. Im Gegensatz zum unbedingten Gesetz des Löwen, hat hier alles zwei Seiten, Quell und Mund, Wehr und Strom, Tod und Leben. Aus der Welt der Wracks und der Träume kommen die Stoffe des Dichters. Aus dem Dust steigen die berückenden Frauen. Der Tau auf den Blättern raubt der Sonne das Gold. Die Welt des Wassers ist der universale Vermittler, Teiler und Spiegler aller Elemente, aller Formen, aller Ahnungen und Gefühle. Also frommt ihm die Weitschweifigkeit, das ewige Lied, die unendliche Melodie. Manche Kritiker bemängelten Kiesewetters ausuferndes Reimen. Im "Löwen" zeigt er deutlich, daß er sich auf engstem Raum auszudrücken weiß. Weit wird sein Lied, wenn sein Herz weit wird, wenn es um das Weibliche geht, die Frauen oder das Wasser. In der Gegensätzlichkeit dieser beiden astrologischen Gedichte ist bereits der ganze Sternkreis enthalten und damit der Titel gedeckt.
Es kommt jedoch noch ein weiteres Gedicht zu der Sternen-Reihe, und dieses steht deutlich früher im Buch. Es heißt "Harz du holdes Sagenland". Dies mag zunächst verwundern, denn ein Gebirge ist ja kein Gestirn. Doch dem Kiesewetterschen Harz eignen alle Attribute, die wir mit Sternen verbinden. Die Festigkeit, die Unbedingtheit, das Leuchten und das Schicksalshafte. Das Sternbild des Florian Kiesewetter ist nicht der Löwe oder der Wassermann, sondern die Landschaft des Harzes. Schon im ersten Vers wird Gottes Segen gerufen, sehr ungewöhnlich für den Dichter, der allgemein sehr sparsam mit der Transzendenz umgeht, und erst recht mit einer segnenden. Hier läßt er sich fließen, hier sind die letzten Zweifel ausgeräumt, aller Schilderung eignet der Hymnus, sei es Natur oder Menschenwerk, sei göttlichen oder dämonischen Ursprungs. Der Dichter tritt aus der Faszination des Düsteren hier noch totaler heraus als in der Liebeslyrik. Er unterwirft sich total. Alles Dichten sei dem Harz geschuldet, meint er, und der Harz könne ihm das nur vergeben, weil sein Reichtum unendlich sei. Auch die Liebe unterwirft er dem Harz, denn Frau Holle ordnet jedem zu, was ihm frommt. In seiner Biographie nennt der Autor einige Orte, die ihm zu Inbegriff der Romantik geworden seien. Im Harz-Hymnus nennt er den Romkenhaller Wasserfall seinen "Geistversprüher".
Wer nach dem ersten Titel des Sagenlandes noch Zweifel hatte, daß es sich hier um das Zentrum kiesewetterschen Sinnens und Trachtens handle, der findet im zweiten Teil das gültige Programm des Dichters. Ich sagte im Eingang, das Programm dieses Dichters sei die Leidenschaft. Die ersten und die letzten beiden Verse dieses Gedichtes sind identisch:
"Ich singe stets mit ganzer Kraft,
Und tu nichts ohne Leidenschaft."
Er weiß, daß es lohnt, dafür Prügel zu beziehen, er weiß, daß das Volk launig ist und rasch vergißt, doch er singt "mit Feuer und mit Blut". Beidem frommt die Farbe Rot, die für das Unbedingte steht, das Rot des Feuers für die unbedingte Aktion, das Rot des Blutes für die unbedingte Passion. Wenn aber jemand aufs Ganze geht, so wird er den Nihilismus der Gräber und Grüfte überwinden. Führte ihn vorher seine Radikalität in diesen Bereiche, die den meisten tabu sind, so spürt er, einmal dort angekommen, daß es noch etwas größeres als den Tod gibt: das Leben. Es bleibt zwischen die beiden Pole gestellt, die Schärfe des Lichtes, die auch die Schärfe des Schwertes ist, und die Allverwandlung des Wassers, die auch die Liebe ist. Ares und Aphrodite, Löwe und Wassermann begegnen sich unterm Himmel des Harzes. Große Dichter haben dieses Gebirge besungen. Aber keiner so innig wie Florian Kiesewetter. Und so stehe die letzte Strophe dieses Gedichtes am Ende meiner Betrachtung:
"Was die Geburt erhob zum Eid,
Und wär es nichts als Schmerz und Leid,
Ich könnte niemals was bereun
Und in der Fremde mich erneun.
Ich seh im Harz den Morgenstern,
Ich heul hier mit den Hunden gern,
Ich singe stets mit ganzer Kraft
Und tu nichts ohne Leidenschaft."