Sternbildsonate

Ich kann nicht singen, ich kann nicht tanzen, doch wenn ich Florian Kiesewetters Gedichte lese, so ist es als singe ich und tanzte zugleich. Dann fühle ich mich zurückversetzt in die Zeit der Romantik und des Vormärz, als das Schreiben von Gedichten so verbreitet war wie heute Graffiti. Wer damals für seine Zeilen einen Verleger fand, mußte schon sehr gut sein.
Ich bin ein großer Freund der Lyrik jener Tage. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich Gedichte, die ich lese, nach dem Maßstab dieser Zeit bewerte. Eine einseitige und kurzsichtige Angewohnheit, möchte man meinen. Wie das blinde Huhn auch sein Korn findet, so habe ich eines Tages mehr gelangweilt als interessiert aus einem Stapel Bücher ein merkwürdig ockerfarbenes Bändlein herausgezogen. Ich schlug es auf und da waren sie, die Gedichte von Florian Kiesewetter.
Welch ein Versmaß, was für ein Beschwingtheit, dachte ich.
Den Textinhalt zunächst beiseite lassend, ergötzte sich mein Gemüt Reim für Reim an der gestochenen Form, scharf und jeder Überflüssigkeit entkleidet wie dorische Säulen, tief und in der Ferne verblassend wie das Meer.
Später meine von der handwerklichen Bravour des Dichters gefangene Aufmerksamkeit auf den Text gerichtet, fand ich das ganze stilistische Repertoir der Zeit des Empire vor meinen Augen.
Ich mutmaßte nicht ohne Grund, daß hier ein vergessener Dichter des Vormärz am Werke gewesen sei.
Dann überflog ich Überschriften wie »Die Prinzessin zu Artern« oder »EOS für Sandra« und geriet ob diesen Anfluges von Moderne in Verwirrung. Ich entdeckte das Impressum und realisierte, daß dieses Werk nicht etwa um 1809, sondern 200 Jahre später geschrieben wurde. Ich suchte nach einer Erklärung und glaubte zunächst einen gereiften Mann am Werk, der wie ich dann fand, keine so jungen Texte schreiben kann. Doch sind solche Zeilen und Gedankentiefen ohne Weisheit und Erfahrung nicht möglich.
Ist Wilhelm Müller auferstanden, wandelt John Keats wieder unter den Lebenden? Weder noch. Ein blutjunger Dichter steht hinter den Zeilen. Kann denn auch unsere Zeit Großes hervorbringen?

Alexander Blöthner